Véronique Poulain hat ein Buch über ihre Eltern geschrieben, indem sie sich beschwert, dass die in der Öffentlichkeit so laut furzen. Unerhört eigentlich. Doch Polains Eltern sind Gehörlos. Und da gehören Geräusche nun mal dazu...

Gastbeitrag von Lisa Figas

Als ich dieses Buch zum ersten mal in den Händen hielt und schnell durchblätterte, war ich überrascht, dass so viele Seiten nur halb beschrieben sind. "Worte, die man mir nicht sagt" ist in der Tat ein sehr Luftiges Buch. Und das hat zwei Gründe:

Die Geschichten, die Véronique Poulain aus dem Familienalltag mit gehörlosen Eltern und Onkels bzw. Tanten berichtet, sind sehr kurz. Schnell kommt sie bei jeder Anekdote zum Schluss und berichtet von oft sehr lustigen Begebenheiten oder peinlichen Erlebnissen. Und das schafft sie nicht nur in einem unglaublich hohen Tempo, sondern auch mit viel Witz und Selbstironie.

Worte, die man mir nicht sagt - ein Buch über das Leben mit gehörlosen Eltern

Auch wenn man über die Geschichten oft schmunzeln, und manchmal auch laut lachen muss, ist dieser Bericht über eine besondere Familie kein witziges Buch. Im Gegenteil. Einmal mehr wird klar: Die Hölle sind immer die anderen.

So geht es hier natürlich auch wieder um das wichtige Thema, des respektvollen Umgangs miteinander in der Gesellschaft. Noch immer werden Menschen, die sich in Gebärdensprache unterhalten, angestarrt. Auch die Worte, die Polains Eltern zu formen versuchen, stiften immer wieder Verwirrung, weil sie eben nicht so klingen wie die Worte von Menschen, die selbst hören können, was sie sagen. Doch man fragt sich als Leser natürlich schon, warum sich die Dame an der Verkaufstheke in der Bäckerei so dumm anstellt und beim besten Willen nicht verstehen will, was die gehörlose Mutter gerne kaufen möchte. Wäre es doch eigentlich naheliegend, sich mit einfachen Handzeichen zu verständigen.

Persönlich glaube ich, dass es oft nicht am Können, sondern am Wollen liegt: "Die kann nichts hören, soll sie sich doch selbst drum kümmern, dass ich sie verstehen kann." Eigentlich ist das keine neue Erkenntnis. Aber das Buch "Worte, die man mir nicht sagt" ist eben doch etwas Neues. Denn Polain kann über diese Art von Behinderung berichten, weil sie alle Facetten der Taubheit kennt und auch selbst die Gebärdensprache gelernt hat. Andererseits darf sie aber eben auch sehr negativ behaftete Themen ansprechen, weil es nun mal erlaubt ist, seine Eltern zu kritisieren. Über Fremde hätte sie dieses schonungslose Buch nie schreiben können.

So sollten wir dankbar für diesen tiefen Einblick sein und dieses Buch zum Anlass nehmen, nicht nur mit gehörlosen Menschen deutlich offener und respektvoller umzugehen, sondern mit allen anderen auch. Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Gegenüber viel bedeuten und dessen Tag mit wenig Aufwand viel schöner werden lassen.

Zum Abschluss noch die Liste der Sätze, die Poluain auflistet, weil sie sie ständig von anderen Kindern zu hören bekam:

  • Du meinst, sie hören nicht mal Musik?
  • Sind sie so auf die Welt gekommen?
  • Wie kommt es, dass Du nicht auch taub bist?
  • Das ist ja komisch. Wie hast Du denn Sprechen gelernt?
  • Redest Du mit den Händen?
  • Wenn Du mal Kinder hast, sind die dann auch taub?

Mir bleibt noch zu erwähnen, dass man dieses Buch schnell durch hat. Ein paar Stunden reichen. Wegen mir dürfte das auch Lektüre im Ethikunterricht sein. Also: Kaufen, Lesen, Verschenken. Mein Exemplar werde ich dem Integrationsfachdienst zur Verfügung stellen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Ullstein Verlag für das Belegexemplar!

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