Das Buch "Dachdecker wollte ich eh nicht werden" von Raúl Aguayo-Krauthausen ist derzeit in aller Munde. Und auch wir haben uns die Autobiographie angesehen. Ein Bericht von Lisa Figas.

Lisa Figas bloggt im Auftrag des Integrationsfachdienst Schwaben und hat das Buch für uns gelesen.

Wenn es mal wieder etwas neues von Raúl gibt, dann bin ich immer gleich ganz hellhörig. Seitdem ich den Aktivist vor einer Weile mal für diesen Blog hier portraitiert habe, bin ich ganz begeistert davon, was er alles auf die Beine stellt. Seine Bemühungen um die Inklusion behinderter Menschen wurden letztes Jahr sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Und das auch mit gutem Recht, denn "Wheelmap", "Leidmedien" oder "Pfandtastisch helfen" sind nur drei der Projekte, bei denen Raúl ganz maßgeblich seine Finger mit im Spiel hat.

Buch von Raúl Aguayo-KrauthausenSo war ich also wirklich gespannt auf das neue Buch "Dachdecker wollte ich eh nicht werden". Denn der Untertitel - das Leben aus der Rollstuhlperspektive - verspricht, einen intensiven Einblick in ein Leben, das ich als nicht Behinderte so nie erlebt habe.

Ich will ganz ehrlich sein. Den Schreibstil fand ich gewöhnungsbedürftig. So ist das Buch ganz so aufgebaut wie man auch seine eigenen Gedanken schweifen lassen würde. Anekdoten und Erlebnisse reihen sich aneinander, manchmal gibt es lange Ausschweifungen ohne erkennbares Ziel, die mich als Leser ein bisschen verwirren. Aber auf der anderen Seite passt dieser Stil auch ganz wunderbar zum Thema des Buches, denn Raul erzählt aus seinem Leben. Man hat das Gefühl, man würde mit Ihm gemütlich bei einer Cola an einem Tisch in einem Berliner Café sitzen, wenn man das Buch liest.

Die Geschichten, die er erzählt sind berührend - und alle wahr, wie er im Klappentext versichert. Ich hatte erwartet, viel über das Thema Ausgrenzung und Diskriminierung zu lesen. Doch es kommt eigentlich ganz anders, denn Raúl hat in seinem Leben immer tolle Freunde gehabt, die ihn unterstützt haben und für die seine Behinderung oft überhaupt keine Rolle gespielt hat. Vielmehr ist es überraschend, dass dann doch, scheinbar plötzlich, Probleme wie fehlende Rollstuhlrampen auftauchen.

Viel intensiver habe im Buch zwei andere Themen wahrgenommen. Zum Alle Rechte vorbehalten von SOZIALHELDEN e.V.einen schreibt Raul über die Schmerzen, die er hat, wenn er sich einen Knochen bricht - was so oft vorkommt, dass er aufgehört hat zu zählen. Die Routine, die er und seine Mutter, bzw. seine "Zivis" dabei entwickelt haben ist für jemanden, der diese Krankheit nicht kennt, erschreckend. Als er ganz genau die Schmerzen beschreibt, die die Knochenhaut verursacht, wenn die gebrochenen Knochen daran reiben sind mit fast die Tränen gekommen. Es ist grausam, dass manche Menschen so etwas immer wieder ertragen müssen - davon bekommt man ja wenig mit, denn wenn ein behinderter Mensch im Rollstuhl unterwegs ist, dann sieht man ihn ja meistens nur dann, wenn es ihm gerade gut geht.

Das zweite Thema, das mich fast noch mehr berührt hat, ist, dass Raul sehr genau beschreibt, wie er selbst seine Behinderung wahrnimmt. Und welchen langen Weg er geht, um sie endlich auch anzuerkennen. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht - dass auch Menschen, die von Geburt an Behindert sind, sich daran "gewöhnen" müssen anders zu sein. Diese Akzeptanz spielt auch in seinem Liebesleben eine große Rolle.

Ich kann das Buch aus vollem Herzen empfehlen. Auch wenn Raúl für seine literarischen Leistungen keinen Nobelpreis bekommen wird, ist dieses Buch doch unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft. Viele Missverständnisse und Barrieren lassen sich aus der Welt schaffen, wenn wir alle einfach nur mehr voneinander wissen würden. Raúl leistet mit seinem Buch einen tollen Beitrag dazu. Unbedingt kaufen.

Auf fraisr kann man das Buch übrigens mit einer Signatur des Autors bestellen.

Bloggerportrait über Raúl Aguayo-Krauthausen hier im Blog des ifd Schwaben.

Weitere Buchbesprechungen hier im ifd-Blog:

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