Gehörlose erzählen aus ihrem Leben - ein Buch von Johanna Krampf mit Bildmaterial, Geschichten und viel Wissenswertem zu Hörbehinderung und der Gebärdensprache.

Gastbeitrag von Lisa Figas
Buchvorstellung in DGS ( auf YouTube)

Im Jahr 1880 auf dem Mailänder Kongress der führenden europäischen Gehörlosenpädagogen passierte das, was leider bis heute immer wieder passiert und wodurch schon viel Schaden in unserer Welt angerichtet wurde: Alte Männer entscheiden über eine Sache, von der sie keine Ahnung haben.

In Mailand einigten sich die hörenden Teilnehmer des Kongresses per Abstimmung darauf, dass es für gehörlose Menschen das beste wäre, wenn Sie von klein auf ausschließlich die Lautsprache lernen würden (also das mühsame formen von Wörtern und das Lippenlesen). Die Kongressteilnehmer die selbst Taub waren, waren nicht zur Abstimmung zugelassen.

Gehörlose erzählen aus ihrem LebenDiese Entscheidung hatte maßgeblichen Einfluss auf das Leben und die beruflichen Chancen von abertausenden gehörlosen Menschen, die von da an in die Mühlen einer scheinbaren Förderung gerieten. Der Fokus bei der "Schulbildung" lag darauf, Buchstaben zu üben und von den Lippen lesen zu lernen. Inhaltlich blieben die Lehrpläne weit weg von den Lehrplänen der Schulen, an denen hörende Kinder unterrichtet wurden. So wurde auf grausame Art und weise ein Vorurteil zementiert, dass vielen körperlich Behinderten anhaftet: Nicht "ganz helle" zu sein.

In dem Buch "Augenmenschen" von Johanna Krampf werden 8 taube Menschen vorgestellt, die ihren Werdegang erzählen. In fast jeder Geschichte wird dieser zu folgenschwere Mailänder Kongress erwähnt - einfach weil er bis heute einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Stellung und die berufliche Integration dieser Menschen hat. Erst jetzt wächst eine Generation heran, die von klein auf umfassend gefördert wurde, und die die Gebärdensprache als akzeptierte Muttersprache erlernt hat.

Diese Erkenntnis macht das Buch einerseits zu einer schweren Kost. Denn fast alle Erzählenden mussten sich gegen viele Widerstände durchsetzen, um endlich ihren eigenen Weg gehen zu dürfen. Andererseits ist diese Kampfeslust auch wirklich ermutigend.

Da gibt es zum Beispiel Rita, die erst mit sieben Jahren erfuhr, dass es die Gebärdensprache überhaupt gibt und die nun als Gebärdensprachdolmetscherin arbeitet und gehörlosen Flüchtlingen hilft. Oder Patricia, die sich erst in Südafrika, dann in Kanada und später in der Schweiz jedes mal aufs Neue in die jeweilige Gebärdensprache einarbeitete und parallel dazu auch die deutsche und die englische Lautsprache versteht und benutzt.

Laut lachen musste ich einer anderen Erzählung von Patricia. Sie besuchte als Kind in Johannesburg oft den Gottesdienst. Der Pfarrer war Gehörlos und hielt die Messe in Gebärdensprache ab. Die Schwestern in der letzten Reihe glaubten, er würde über Gott sprechen, denn der Pfarrer blätterte ab und zu eine Seite in der Bibel um. Tatsächlich brachte er den Kindern einige Grundlagen in Geschichte und Latein bei. Dieses Vorgehen war nötig, denn die Gebärdensprache war bei den Schwestern, die sonst den Unterricht hielten, nicht gern gesehen.

Allen Erzählenden in dem Buch Augenmenschen gemein ist die Freude an der Kultur der Gehörlosen. Als Hörende kann ich diesen Zusammenhalt nur erahnen. Die Begeisterung, mit der alle von diesem Zusammenhalt und der gegenseitigen Hilfe erzählen, macht mich fast ein wenig neidisch. Aber es ist verständlich, dass sich Menschen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist, besonders gerne mit anderen Muttersprachlern unterhalten. Nur mit Hilfe von Lippenlesen das Stimmengewirr in einer Gruppe Hörender zu entwirren ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Was ich bei der Lektüre von Augenmenschen auch gelernt habe, sind ein paar Umgangsregeln, die man im Kontakt mit Gehörlosen beherzigen sollte:

  1. Hochdeutsch sprechen (Dialekte sind schwer zu lesen)
  2. Blickkontakt herstellen
  3. In normaler Lautstärke sprechen
  4. Den eigenen Mund nicht verdecken

Ganz entscheidend ist jedoch der Schritt, der noch vor allen anderen kommt: Ohne Angst und Hemmungen die Kommunikation mit Gehörlosen wagen. Denn daran scheitert der Kontakt leider auch heute noch sehr oft.

Am Ende von Augenmenschen gibt es ein Interview mit Barbara Bucher, einer Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie erzählt von dem Verständnis, das sie von ihrem Beruf hat. Besonders interessant fand ich, dass sie oft entscheiden muss, ob sie auch Körpersprache mit übersetzt und damit einer Haltung Worte verleiht. So drückt jemand, der Gebärdensprache spricht, mit seinem Körper aus, dass er eine Erklärung nicht verstanden hat. Der hörende Adressat dieser Botschaft ist für diese Signale aber oft nicht empfänglich. In so einer Situation muss dann der Dolmetscher sagen "Bitte erklären Sie das noch einmal". Obwohl der Gehörlose gar nichts gebärdet hat.

Ich empfehle dieses Buch als eine Art Nachschlagewerk für alle, die mit hörbehinderten Menschen in Kontakt kommen. Neben den sehr aufschlussreichen Lebenserzählungen finden sich hier nämlich auch viele erklärende Texte - zum Beispiel Begriffsdefinitionen (gehörlos, taub, schwerhörig), eine Beschreibung des Cochlea-Implantat oder eine Erläuterung zu den beiden Erziehungsstilen bilingual oder oral. Mein Rezensionsexemplar werde ich wieder dem Integrationsfachdienst Schwaben schenken.

Vielen Dank an den Rotpunktverlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares. Das Buch Augenmenschen hat 240 Seiten und ist im Frühjahr 2015 erschienen und kostet 31,00€.

Um mehr über die Kultur der Gehörlosen zu erfahren, empfehlen wir "Mein Augenschmaus", den Blog von Julia.

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