Sozialarbeiter und Träger sozialer Einrichtungen werden in der öffentlichen Diskussion über die soziale Arbeit oft mit Vorurteilen konfrontiert, die mit der Realität nichts oder nur sehr wenig zu tun haben. Nicht selten werden einzelne Negativ-Beispiele - auch von den Medien - verallgemeinert und zum Quasi-Standard erhoben.

Gastartikel von Christian Müller, Autor und Berater.

Angesichts dieser Erfahrung ist es verständlich, dass Sozialarbeiter und Träger sozialer Einrichtungen beim Thema Social Media sehr vorsichtig agieren. Hier werden Vorurteile deutlich, die mit der Realität nur wenig zu haben. Heute habe ich daher die 12 Vorurteile gegenüber Social Media zusammengestellt, die mir in meiner Beratungstätigkeit am häufigsten begegnen. Im Folgenden gleiche ich sie mit der Realität ab.

12 Vorurteile gegen Social Media… und die Realität

1. „Dafür sind wir viel zu klein“

Natürlich haben große Träger wie beispielsweise die Aktion Mensch und andere Organisationen die sozialen Netzwerke bereits für sich entdeckt. Im Vergleich zu diesen Giganten mag Ihre Einrichtung tatsächlich klein und unscheinbar wirken.

Doch hier kommt ein Vorteil der Social Media zur Geltung: Sie stehen grundsätzlich jedem offen und die Größe einer Organisation entscheidet nicht darüber, wie attraktiv oder interessant diese für Leser und Fans ist. Wenn Sie Ihre Geschichte und Themen spannend präsentieren, können Sie Menschen erreichen und auf sich aufmerksam machen - unabhängig von der Größer Ihrer Einrichtung.

2.“In den sozialen Netzwerken ist alles öffentlich“

Das ist schlicht und ergreifend falsch. In fast allen Netzwerken können Sie entscheiden, welche Daten Sie für wen sichtbar machen. Richtig ist, dass Sie als Einrichtung öffentlich kommunizieren sollten. Doch das liegt in der Natur der Sache und ist keine Besonderheit der Social Media.

Als Grundsatz für Ihre Kommunikation und Ihre verantwortlichen Mitarbeiter kann hier gelten: Was Sie nicht in die Zeitung setzen würden, hat auch in den sozialen Netzwerken nichts zu suchen.

3. „Das können wir doch gar nicht“

Mit diesem Argument können Sie jede Neuerung in jedem Bereich von vornherein abwiegeln. Sinnvoll ist das allerdings nicht. Es kann durchaus sein, dass Sie mit der Kommunikation in den Social Media keine Erfahrung haben. Es spricht jedoch nichts dagegen, diese nach und nach aufzubauen.

Natürlich können Sie sich dazu - das ist keine Eigenwerbung - geeignete Berater oder Trainer holen und Ihre Mitarbeiter auf entsprechende Kurse schicken. Neben diesem Training ist es jedoch entscheidend, dass sich Ihre Mitarbeiter auch selbst einarbeiten und mit den Netzwerken vertraut machen. Die Erfahrung kommt hier auch mit der Übung - wenn eine Strategie vorhanden ist, versteht sich.

4. „Facebook will nur unsere Daten“

Volle Zustimmung, absolut richtig. Soziale Netzwerke sind in der Regel kostenfrei, das Kapital der Unternehmen besteht daher aus den Daten der Nutzer die auf verschiedene Art und Weise genutzt werden. Da Sie das jedoch vor Ihrem Einstieg wissen, stellt diese Tatsachse kein Problem dar.

Wir bereits erwähnt sind bei der Nutzung der Social Media Achtsamkeit und ein bewusster Umgang mit den eingestellten Daten unabdingbar. Anfragen potentieller Klienten können beispielsweise über eine Facebook Seite entgegengenommen werden. Der konkrete Austausch sollte dann jedoch telefonisch oder persönlich und nicht über das soziale Netzwerk stattfinden. Mit der richtigen Nutzung stellt der Datenhunger der Unternehmen also kein allzu großes Problem dar.

5. „Dafür haben wir keine Zeit“

Dieses Argument finde ich immer wieder hoch interessant. Meine Antwort besteht meist in einer Gegenfrage: „Haben Sie Zeit für Öffentlichkeitsarbeit?“ Lautet die Antwort nein, rate ich von einem Einstieg in die Social Media ab. Dann ist zuerst der Aufbau der lokalen Öffentlichkeits- und Pressearbeit gefragt.

Wird jedoch aktive Öffentlichkeitsarbeit praktiziert, können und sollten Social Media hier angedockt werden. Der Zeitaufwand ist zu Beginn - wie bei jedem neuen Projekt - recht hoch. Doch mit zunehmender Erfahrung und Routine lässt er spürbar nach. Die Vorteile - mehr dazu unter Punkt sechs - überwiegen den Zeitaufwand bei Weitem.

6. „Über die Zeitung erreichen wir viel mehr Menschen“

Das kommt darauf an. Liegt Ihr Fokus rein auf den Bewohnern Ihres Ortes und im lokalen Bereich, mag diese Aussage stimmen. Geht es Ihnen jedoch darum, Ihre Einrichtung in der (über)regional zu bekannt zu machen und Ihre Position in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, widerspreche ich dieser Aussage entschieden.

Das bedeutet nicht, dass Sie Ihre Pressearbeit einstellen sollten. Social Media und Öffentlichkeitsarbeit in den traditionellen Medien ergänzen sich wunderbar. Doch die sozialen Netzwerke bieten eine potentiell enorme Reichweite und Sichtbarkeit, die es mit individuell angepassten Strategien zu nutzen gilt.

7. „Wir können nicht über unsere Klienten schreiben“

Dieses Argument ist sowohl aus Sicht des Datenschutzes als auch aus moralischen und professionellen Erwägungen einleuchtend. Doch ersten können Sie Klienten fragen, ob diese bereit sind, in der Berichterstattung aufzutauchen. Für Zeitungsartikel und ähnliche Publikationen wird das in vielen Einrichtungen bereits umgesetzt.

Zweitens ist das  - zumindest zu Beginn - auch gar nicht nötig. Es reicht völlig aus, wenn Sie über Ihre Arbeit, Ihre Anliegen und Ihre Erfahrungen - beziehungsweise die Ihrer Mitarbeiter - in der täglichen Arbeit schreiben. Klienten müssen nicht konkret genannt werden um Problemlagen und Missstände aufzuzeigen und die Bedeutung der sozialen Arbeit hervorzuheben.

8. „Videos sind uns viel zu aufwendig“

Ein nachvollziehbarer Punkt. Zwei Aspekte bitte ich hier jedoch zu bedenken. Erstens sind Videos nicht unbedingt notwendig. Bilderserien oder Text-Artikel, die mit ein oder zwei Bilden ergänzt werden, reichen oft völlig aus.

Zweitens ist die Videoproduktion mit etwas Training und relativ kostengünstigem Equipment - die bestehenden Smartphones der Mitarbeiter können beispielsweise für den Einstieg ausreichen - ohne allzu großen Aufwand machbar. Hier gilt jedoch: Gehen Sie einen Schritt nach dem anderen und beginnen Sie mit den einfacheren Kommunikationsformen, bevor Sie sich in die Videoproduktion stürzen.

9. „Social Media sind uns zu teuer“

Gegenfrage: Von welchen Kosten sprechen wir hier genau? Sicher, die Arbeitszeit, das Training und die möglicherweise nötige Beratung bekommen Sie nicht zum Nulltarif. Doch sind diese Kosten im Vergleich zum Potenzial der Social Media wirklich zu hoch?

Mit der richtigen Strategie lautet meine Antwort: Nein, sind sie nicht. Denn mit einem strategisch aufgebauten Social Media Engagement können Sie…

  • … potentiellen Klienten den Zugang zu Ihren Angeboten erleichtern.
  • … Aufmerksamkeit und Unterstützung für Ihre Arbeit gewinnen.
  • … ehrenamtliche Mitarbeiter anziehen.
  • … sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren.
  • … Ihre Position in der öffentlichen Diskussion stärken.
  • … das gesellschaftliche Bewusstsein für den Wert sozialer Arbeit erhöhen.

10. „Bisher ging es wunderbar ohne Social Media“

Korrekt, doch es gab auch eine Zeit, in der es wunderbar ohne Computer ging. Wollten Sie heute auf sie verzichten? Zugegeben, der Vergleich ist etwas überspitzt, doch Social Media sind - das haben die letzten Jahre gezeigt - kein temporäres Phänomen und gehören inzwischen zum Kommunikationsalltag vieler Menschen.

Das trifft nicht nur auf jungen Menschen zu. Aktuelle Studien zeigen, dass 40 Prozent aller deutschen Facebook Nutzer über 40 Jahre alt sind. Diese Kommunikationskanäle werden immer mehr in den Alltag der Menschen einfließen und zur Selbstverständlichkeit werden. Es wäre daher nicht clever, sich von dieser Entwicklung abzukoppeln.

11. „Da könnte öffentliche Kritik kommen“

Kleine Korrektur: Da wird öffentliche Kritik kommen. Doch das ist kein Grund zur Panik, darüber sollten Sie sich sogar freuen. Ja, Sie haben richtig gelesen: freuen. Denn wenn Fans sich die Zeit nehmen, Ihnen konstruktive Kritik zu hinterlassen, geben sie Ihnen damit hervorragendes Feedback. Durch dieses können Sie Missstände und Probleme in Ihrer Einrichtung erkennen und werden dafür sensibilisiert - ganz ohne aufwändige Analysen.

Natürlich wird es auch Trolle geben, also Menschen, die einfach nur Dampf ablassen und alles schlecht reden. Doch wenn Sie auf solche Kommentare sachlich reagieren, werden die wirklich interessierten Fans schnell erkennen, dass die Trolle nur stänkern wollen. Und beleidigende Kommentare können Sie jederzeit - am besten unter Verweis auf Kommentarrichtlinien - löschen. Denken Sie daran: Sie entscheiden, was Sie auf Ihren Seiten zulassen.

12 Vorurteile gegen Social Media… und die Realität

12. „Das können wir doch gar nicht kontrollieren“

In der Regel steht hinter dieser Aussage die Befürchtung, dass auf anderen Seiten negativ über die Einrichtung gesprochen oder geschrieben wird und sich diese Diskussionen nicht eindämmen lassen. Das ist durchaus möglich - wird jedoch ohnehin passieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob Sie in den sozialen Netzwerken vertreten sind oder nicht.

Sind Sie jedoch in den Social Media aktiv, haben Sie einen entscheidenden Vorteil: Sie können reagieren. Sie haben dann beispielsweise die Möglichkeit, sich in Diskussionen über Ihre Einrichtung einzuklinken, das Gespräch zu suchen und Lösungen anzubieten. Das wird natürlich nicht immer möglich sein, doch selbst wenn es nicht zu einer Lösung kommt, zeigen Sie anderen Lesern durch Ihr Verhalten, dass Sie an einem Austausch interessiert sind. Bereits diese Wirkung ist eine klare Empfehlung für Ihre Einrichtung.

Christian Müller ist freier Autor und Berater für Social Media mit dem Schwerpunkt auf Soziale Einrichtungen. Im Herbst 2013 ist Herr Müller als Gastautor für den Integrationsfachdienst Schwaben tätig. Alle Artikel finden Sie unter Gastartikel. Wir empfehlen außerdem den Blog von Christian Müller: Sozial PR

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